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22.08.2017

Bayern hat bundesweit die höchste Wiederholerquote in den Klassen 5 bis 10: Besteht Handlungsbedarf?

Prof. Dr. Gerhard Waschler, stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Bildung und Kultus des Bayerischen Landtags:

Foto: Rolf Poss

Der „Bildungsmonitor 2017“ des Instituts der deutschen Wirtschaft bescheinigt Bayern erneut einen Spitzenplatz unter den deutschen Ländern, mit herausragenden Stärken unter anderem bei der Förderung der beruflichen Bildung, der Schulqualität und der Vermeidung von Bildungsarmut. Bei der Zeiteffizienz hingegen, also der Verweildauer im Bildungssystem, belegt Bayern einen der hinteren Plätze – unter anderem wegen der hohen Wiederholerquote.

Auch wenn die Autoren der Studie selbst darauf hinweisen, dass dieses Ergebnis mit Blick auf das gute Abschneiden Bayerns unter anderem bei den deutschlandweiten Vergleichsarbeiten zu relativieren ist, lohnt es sich, genauer hinzusehen. Im Schuljahr 2016/2017 betrug in Bayern die Quote der Pflichtwiederholer an allgemein bildenden Schulen (ohne Schulen des zweiten Bildungsweges) 1,4 Prozent. Die Wiederholerquote insgesamt – also mit denjenigen Schülerinnen und Schülern, die freiwillig eine „Ehrenrunde“ drehten – lag demgegenüber bei 3,5 Prozent.

Wieso wiederholen bayerische Schülerinnen und Schüler so häufig freiwillig? Betroffene Schülerinnen und Schüler bestätigen, was wir vor einiger Zeit an dieser Stelle zu einer sehr ähnlichen Frage schon einmal formuliert haben: „Sitzenbleiben“ wird als echte Chance begriffen, versäumten oder unzureichend verankerten Schulstoff nachzuholen. Wiederholen hat sich in der Schulpraxis zu einer pädagogischen Maßnahme gewandelt, die mit Augenmaß und in sorgfältiger Abwägung des jeweiligen Einzelfalls zur Anwendung kommt. Die sinkenden Wiederholerzahlen zeigen dabei, dass es unseren Lehrkräften sehr gut gelingt, Schülerinnen und Schüler nach ihren Bedürfnissen, Interessen und Fähigkeiten individuell zu fördern, ohne dabei von den im differenzierten Schulwesen verankerten Leistungsgedanken Abschied zu nehmen.

Schließlich: Zeiteffizienz ist kein Wert an sich. Bildung braucht Zeit, wenn sie nicht nur Inhalte vermitteln, sondern auch Raum für die Entfaltung der Persönlichkeit gewähren soll. Nicht zuletzt unsere Wirtschaft profitiert enorm davon, wenn sie nicht nur auf möglichst junge Absolventen, sondern auf Persönlichkeiten zurückgreifen kann.

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